Meinungsbildung in der digitalen Welt

Einleitung

Die Nachrichten- und Informationswelt hat sich in den letzten 20 Jahren gravierend verändert. Hätte in der Zeit vor den sozialen Medien ein Politiker wie Donald Trump jederzeit unbegrenzt und massenhaft Unwahrheiten absetzen können und damit Gehör bei seinem Publikum gefunden? Wären Corona-Verschwörungsmythen und Desinformationen wie in der „Infodemie“1 vielfach verbreitet und geteilt worden? Wohl eher nicht. Auch wenn früher nicht alles besser war, so lassen sich doch seit einiger Zeit Entwicklungen im Mediensystem beobachten, die eine Verständigung über Fakten und einen Zusammenhalt der Gesellschaft erschweren. Diese Herausforderung bringt Barack Obama mit seiner Äußerung auf den Punkt: „Vielleicht am schädlichsten ist die Tatsache, dass jede Seite inzwischen ihre eigenen Medien und folglich ihre eigenen Fakten hat. Es ist sehr schwierig, Kompromisse zu erzielen, wenn man nicht von einer gemeinsamen Realität ausgeht.“ 2 Auch wenn das US-amerikanische Mediensystem nicht mit unserem vergleichbar ist, so ist doch auch hier bei den Nutzerinnen und Nutzern eine zunehmende Verunsicherung über den Wahrheitsgehalt von Informationen und eine teilweise Überforderung bei der Aufdeckung von Desinformation zu erkennen. Dies gilt übrigens nicht nur für Jugendliche.

Jugendliche, die in diesem digitalen Kosmos aufwachsen, sollten jedoch dabei unterstützt werden, ihre Informationsund Meinungsbildungskompetenz auszubilden. Denn diese Fähigkeit ist die DNA für ein selbstbestimmtes Leben in einer Gesellschaft, die auf Freiheit, Verständigung, Wahrhaftigkeit und das Aushandeln politischer, sozialer und wirtschaftlicher Interessen beruht. Aus medienethischer Sicht bedarf eine moderne liberale Demokratie nicht nur informationsmündiger Bürgerinnen und Bürger. Es braucht auch einen Konsens darüber, dass das Streben nach Wahrheit ein unentbehrliches Gut ist und die Anerkennung der Wissenschaft als Referenzsystem für Fakten unabdingbar ist. Wie kann man Jugendliche dabei unterstützen, sich kompetent zu informieren und eine fundierte Meinung zu bilden? Das vorliegende Arbeitsbuch nutzt hierfür die Medienethische Roadmap zur Meinungsbildungskompetenz.

Im ersten Schritt geht es um eine Sensibilisierung für das Thema. Dabei werden nicht nur Erkenntnisse zum Informationsverhalten von Jugendlichen sowie die veränderten Zugangsbedingungen zu Nachrichten erläutert, sondern auch erklärt, was unter Meinungsbildungskompetenz zu verstehen ist.

Im zweiten Schritt geht es um das Analysieren und Erkennen von Desinformationsstrategien. Dazu wird erklärt, was unter Fake News bzw. Desinformation zu verstehen ist und warum und in welcher Form und über welche Wege sie verbreitet werden. Ziel ist es, Fake News und typische Desinformationsstrategien erkennen zu lernen.

Im dritten Schritt werden die möglichen Auswirkungen von Desinformation auf die politische Meinungsbildung Jugendlicher aufgezeigt. Dabei geht es um die für Jugendliche relevanten Kommunikationsräume und Meinungsführer. Da in Deutschland Desinformation insbesondere von rechtspopulistischen Meinungsmachern produziert und verbreitet wird, werden deren Erzählungen und Strategien gesondert erklärt.

Im vierten Schritt geht es um die aus ethischer Sicht besonders wichtige Reflexion der gesellschaftlichen Dimension, die Desinformation für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben kann: Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn Wahrheit verhandelbar scheint?

Ein wesentlicher Aspekt der medienethischen Roadmap ist die Wertefrage. Im fünften Schritt werden deshalb mögliche Wertekonflikte, die sich für Jugendliche im Umgang mit Informationen und im Prozess ihrer Meinungsbildung ergeben können, beschrieben. In diesem Zusammenhang wird gezeigt, dass sich Erzählungen besonders eignen, um Wertekonflikte zu reflektieren.

Wir alle tragen eine Mitverantwortung für unsere Gesellschaft und die Demokratie. Im sechsten Schritt geht es um die Frage, wie Jugendliche sich eine Haltung und ein Ethos der Wahrhaftigkeit und Demokratie-Wertschätzung aneignen können. Hierzu wird die Bedeutung der freien Meinungsbildung für eine Demokratie verdeutlicht, die Begriffe Wahrheit und Wahrhaftigkeit geklärt und die Relevanz der Wahrheit für die Selbstbestimmung des Menschen und damit für die Demokratie erläutert.

Im siebten und letzten Schritt werden die relevanten Fähigkeiten auf der individuellen Handlungsebene beschrieben. Was braucht es, um in der (Medien-)Kommunikation selbständig, kritisch, kompetent und verantwortungsbewusst durch eine Flut von digitalen Informationen und Meinungen navigieren zu können? Wie gelingt es, sich fundiert und begründet eine Meinung zu bilden und diese auch reflektiert und respektvoll vertreten zu können? Vier Kompetenzbereiche stehen hierbei im Mittelpunkt der Betrachtung: die Methodenkompetenz (Wie informiere ich mich?), die Sachkompetenz (Welches Wissen über Medien und digitale Öffentlichkeiten habe ich?), die Sozialkompetenz (Wie verhalte ich mich in Diskussionen?) und die ethische Kompetenz (Wie kann ich eine Haltung entwickeln?).

Und jetzt sind wir am Ausgangspunkt unserer gemeinsamen Reise, in der Sie Schritt für Schritt die Medienethische Roadmap kennenlernen. Ganz in dem Sinne: „Wenn wir fragen, wohin wir gehen sollen, sind wir schon auf dem Weg dorthin.“ 3

Wie bilde ich mir eine Meinung in der digitalen Welt?

Sensibilisierung für die Meinungsbildung im digitalen Zeitalter

Im Sinn des ersten Schritts der medienethischen Roadmap – Sensibilisierung für das Thema – wird in diesem Kapitel die Situation beschrieben, in der heute Meinungsbildung stattfindet. Dazu blicken wir zuerst auf wissenschaftliche Erkenntnisse zum Informationsverhalten und den Informationskompetenzen von Jugendlichen sowie auf die veränderten Zugangsbedingungen zu (nachrichtlichen) Informationen insbesondere durch soziale Medien. Um zu wissen, worüber wir eigentlich sprechen, wird in diesem Kapitel geklärt, was eine „Meinung“ ist und unter welchen Voraussetzungen sie gelingen kann. Zudem erläutern wir, was wir unter Meinungsbildungskompetenz, auf die dieses Handbuch zielt, verstehen. Zuletzt wird der Blick auf die Rolle des Journalismus für die freie Meinungsbildung und auf die Kriterien für guten Journalismus gerichtet.

Von der Tagesschau zu Instagram – Wie sich Jugendliche informieren

Wie informieren sich Jugendliche heute über das Weltgeschehen?

Noch schnell die Timeline bei Insta checken, schauen, was in der WhatsApp-Gruppe so los ist und dann bei Wikipedia für das Referat recherchieren: Jugendliche bewegen sich fast den ganzen Tag im Netz. In praktisch allen Familien sind Smartphone, Computer/Laptop und WLAN vorhanden, und 94 Prozent der Teenager besitzen selbst ein Smartphone.4 Da die Geräte selten ausgeschaltet werden, ist Online-Sein der Normalzustand. Wie Strom und Wasser gehört das WLAN zur Grundversorgung.5 Laut der JIM-Studie 2020 haben, bezogen auf die tägliche Mediennutzung, die Smartphone- (93 %), Internet- (89 %) und Musiknutzung (80 %) den größten Stellenwert im Leben von Zwölf- bis 19-Jährigen.6 Das Smartphone ist der häufigste Zugangsweg zum Internet, die beliebtesten Online-Angebote sind YouTube, Instagram und WhatsApp.7 Auf der Suche nach Informationen nutzen 88 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen in erster Linie Suchmaschinen (bspw. für das Googeln nach Begriffen), zwei Drittel suchen bei YouTube nach bestimmten Informationen zu bestimmten Themen, und für vier von zehn Jugendlichen sind Online-Enzyklopädien wie Wikipedia die Anlaufstelle bei der Informationssuche. Je ein Viertel der Jugendlichen nutzt Nachrichten und Informationen von Social Media-Plattformen wie Facebook und Twitter oder von den Onlineangeboten der Zeitungen (vgl. Abb. 1). Im Vergleich zum Vorjahr ist 2020 ein erhöhter Informationsbedarf bei Jugendlichen zu erkennen, der sich auf die besonderen Umstände in der Corona-Pandemie (Lockdown, Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen und Homeschooling) zurückführen lässt.8

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Auch zu politischen Themen informieren sich junge Menschen vor allem online, wie die Shell Studie 2019 feststellt (die regelmäßig untersucht, wie 12- bis 25-Jährige in Deutschland aufwachsen): „(...) Internet und Social Media haben den klassischen Medien im Bereich der gezielten politischen Informationssuche mittlerweile den Rang abgelaufen.“10 Und auch der Reuters Institute Digital News Report 2020 für Deutschland zeigt, dass Reichweite und Bedeutung von sozialen Medien als Nachrichtenquelle weiter gestiegen sind. 56 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nutzen soziale Medien als Ressource für Nachrichten (6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr), für 30 Prozent dieser Altersgruppe sind die sozialen Medien die wichtigste Nachrichtenquelle (gegenüber 22 Prozent im Vorjahr) und neun Prozent der 18- bis 24-Jährigen beziehen Nachrichten ausschließlich über soziale Medien (2019 waren es 5 %).11 Instagram ist dabei die Plattform, die am häufigsten als Nachrichtenquelle verwendet wird (Facebook und YouTube rangieren knapp dahinter), allerdings ist die Nachrichtennutzung hier oft ein Nebeneffekt. „Doch nutzt niemand Instagram, um Nachrichten zu suchen. Man bewegt sich eben dort – hauptsächlich, um Fotos von Freunden oder Essen zu sehen – und findet dann Nachrichten quasi als Beifang“12, sagt Sascha Hölig vom Leibniz-Institut für Medienforschung. Unter den 18- bis 24-Jährigen spielen demzufolge algorithmenbasierte Zugangswege zu Nachrichten (Suchmaschinen, Aggregatoren, wie etwa Google News, oder soziale Medien) insgesamt eine große Rolle (62 %); das direkte Aufsuchen einer Nachrichtenmarke ist in dieser Altersgruppe rückläufig (46 % gegenüber 56 % im Vorjahr).1

Insgesamt lässt sich für junge Internetnutzerinnen und -nutzer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren feststellen, dass sie in sozialen Medien überwiegend nicht gezielt auf die Suche nach Nachrichten gehen, sondern dort eher beiläufig und zufällig in Kontakt mit Nachrichteninhalten kommen und sich dadurch ausreichend über aktuelle Ereignisse in Deutschland und der Welt informiert fühlen. Nachrichten im klassischen Sinne („hard news“) nehmen nur einen geringen Stellenwert im Alltag (selbst hochgebildeter) junger Menschen ein.

Obwohl Jugendliche immer weniger fernsehen und ihre Nachrichten überwiegend online beziehen, bringen sie den klassischen Medien das größte Vertrauen entgegen. Die große Mehrheit hält die Informationen in den ARD- (Tagesschau/Tagesthemen) oder ZDF-Fernsehnachrichten (heute/ heute journal) für vertrauenswürdig. Vergleichbares gilt auch für die regionale bzw. lokale Tageszeitung, die großen überregionalen Tageszeitungen sowie die öffentlich-rechtlichen Radiosender. 15 Zugang zu diesen massenmedialen Angeboten finden Jugendliche immer weniger analog als vielmehr online über Mediatheken, YouTube, Webseiten, Apps und Podcasts, oder sie werden über soziale Medien auf sie aufmerksam.

Dennoch gelten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Inhalte bzw. Nachrichten in sozialen Medien als wenig vertrauenswürdig, was auch mit einer Entkopplung der Verbindung einhergehen kann, dass Nachrichten mit journalistischen Quellen assoziiert werden.16 Die Shell Jugendstudie 2019 hat ermittelt, dass YouTube etwa jeder zweite Jugendliche als „weniger bis nicht vertrauenswürdig“ bezeichnet. Auf Facebook misstrauen sogar etwas mehr als zwei von drei Jugendlichen den dort angebotenen Informationen. Auch Twitter vertraut nur eine Minderheit.17 Insgesamt ist das Vertrauen in Nachrichten im Allgemeinen in der Gesamtgesellschaft leicht gesunken. Am stärksten ist der Vertrauensverlust aber bei den 18- bis 24-Jährigen (2020: 31 %; 2019: 40 %) und gegenüber den Nachrichten, denen sie in sozialen Medien begegnen. 18

Dass Jugendliche in Deutschland insbesondere Facebook kritisch sehen, scheint auf die Diskussionen rund um Fake News und Datenschutz zurückzuführen. YouTube wird von ihnen etwas weniger kritisch eingeschätzt. Die Plattform hat sich bei Jugendlichen zur universalen Unterhaltungsund Informationsquelle entwickelt, auf der Inhalte nicht nur konsumiert, sondern auch selbst hochgeladen werden. Das macht Jugendliche zwar auch kritisch gegenüber den dort angebotenen Inhalten. Dennoch erscheint ihnen YouTube „als Plattform, mit der sie authentisch und unzensiert kritische oder avantgardistische Inhalte jenseits des Mainstreams sehen oder einfach nur ihre eigenen Positionen, Aktivitäten und Interessen darstellen können“19, wie es beispielsweise rund um die Debatte zur EU-Urheberrechtsreform im Frühjahr 2019 sichtbar wurde.

Das Informationsparadox Jugendliche befinden sich in einem Dilemma. Zu beobachten ist ein Informationsparadox: Obwohl Jugendliche den sozialen Medien keine allzu große Glaubwürdigkeit attestieren und sich möglicher Falschmeldungen bewusst sind, nutzen sie die sozialen Medien als wichtigste Informationsquelle für tagesaktuelle Themen. „Jugendliche sind sich dieser Widersprüchlichkeit durchaus bewusst, wissen aber oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.“ 20

Mediale Rahmenbedingungen im digitalen Zeitalter

Unter welchen Bedingungen findet die Meinungsbildung Jugendlicher heute statt?

Jugendliche wachsen im 21. Jahrhundert in einer Welt auf, in der sie einfach und direkt Zugang zu einer Fülle von Informationen haben, so wie es vor der Existenz des Internets und der heutigen Vielzahl von Kommunikationsmedien und -Plattformen nicht möglich war. Über ihr Smartphone und soziale Medien wie YouTube, Facebook, Twitter und Instagram können sie Informationen jederzeit und überall nicht nur empfangen, sondern auch bewerten und teilen oder selbst Mitteilungen erstellen und dabei direkt in den Diskurs mit anderen eintreten. Sie können sich als Individuen, aber auch über Aktivistengruppen oder Debattenplattformen öffentlich zu Wort melden, Gehör finden und unmittelbar an der Meinungsbildung mitwirken. Die Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe haben durch die Digitalisierung deutlich zugenommen.

Eine überall und jederzeit vernetzte Gesellschaft eröffnet jedoch nicht nur Spielräume für mehr Partizipation, sondern auch für Gerüchte, Online-Propaganda oder Hass-Postings. Jeder oder jede Einzelne kann sich ohne den Umweg über journalistische „Torwächter“ (sog. Gatekeeper, also die klassischen Massenmedien) ungeprüft an eine Vielzahl von Menschen richten. Und das können auch Politiker, Parteien, Gruppierungen oder Organisationen. So bekommen auch demokratiefeindliche Akteure – beispielsweise Islamisten, Rechts- oder Linksradikale, deren Positionen bisher in den Medien nicht vorkamen – Werkzeuge an die Hand, um an die Öffentlichkeit zu treten

Quantität bedeutet auch nicht automatisch Qualität: Die unübersehbare Fülle von Informationen kann die Orientierung erschweren. Zudem beeinflusst die Bauweise von Suchmaschinen wie Google und Social Communities wie Facebook, Instagram oder YouTube, also ihre spezifische kommunikative Architektur, den Informationsaustausch. Diese Architektur setzt mittels Algorithmen die Rahmenbedingungen und entscheidet, welche Meldungen bei den einzelnen Nutzerinnen und Nutzern ankommen. So findet permanent eine Ent- und Neubündelung von Informationen statt, die als Informationshäppchen dargeboten werden: ein individuelles Büffet vermeintlich nach dem Geschmack der empfangenden Person, in dem die Meldungen oft kontextfrei, aus unterschiedlichen Quellen und von unterschiedlichen Akteuren stammen. Zuzuordnen, wer eine Information wo veröffentlicht hat, wird dadurch schwieriger, und damit, diesen Inhalt hinsichtlich seiner Quelle zu bewerten.

Kennzeichnend für soziale Medien ist auch, dass sich hier die Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer untereinander mit publizistischen Inhalten aus anderen Medien vermischt. 21 So können seriöse Informationen, die anhand professioneller Kriterien ausgewählt wurden, direkt und unvermittelt neben ungesicherten Beiträgen sogenannter „alternativer Medien“ (siehe Infokasten in Kap. 3.2.2) und Meinungsäußerungen von Nutzerinnen und Nutzern stehen.

In einer digitalisierten Öffentlichkeit haben sich die Menge und das Spektrum der verfügbaren Informationen also deutlich vergrößert. Die Vielfalt kann für Jugendliche jedoch auch bedeuten, dass sie unbeabsichtigt mit Angeboten konfrontiert werden, die extremistischer Natur sind, verschwörungstheoretische Positionen vertreten oder Teil staatlicher Desinformationskampagnen sind.22 Es kommt zu einer Konkurrenz verschiedener Akteure, die auf die (politische) Meinungsbildung Jugendlicher einwirken und um ihre Aufmerksamkeit werben. Die Beurteilung einer Information hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes wird für Jugendliche dadurch komplizierter. Es kann zu Einordnungsschwierigkeiten kommen und die eigene Medienkompetenz überfordern.

Eine repräsentative Studie 23 zum Umgang mit Informationen aus dem Netz unter 400 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren hat gezeigt, dass die Überprüfungsstrategien der Jugendlichen eher defizitär und ihre Recherchen meist sehr oberflächlich sind. Außerdem tendieren sie dazu, innerhalb kurzer Zeit abzuschweifen und ihr Ziel damit aus den Augen zu verlieren. Headlines werden überflogen, die Artikel selbst nicht gelesen, und eine Quelle reicht ihnen meistens aus. Einen deutlichen Vertrauensvorschuss geben sie Bildern, insbesondere Videos, die professionell produziert wurden. Dass Videos aus dem Kontext gerissen sein können, falsch verortet werden oder nur einen Teil des Geschehens zeigen, ist ihnen nicht immer bewusst.

Eine Studie der Universität Paderborn hat zudem gezeigt, dass über ein Drittel der untersuchten Achtklässler nur über sehr rudimentäre und basale computer- und informationsbezogene Kompetenzen verfügt.25 Die Fähigkeiten beschränken sich auf „das Anklicken eines Links oder das Öffnen einer E-Mail“ 26, so Studienleiterin Birgit Eickelmann. Diese Schülerinnen und Schüler könnten Informationen, die sie online finden, weder richtig einordnen noch kritisch hinterfragen und seien damit anfällig für Fake News.

Auch eine US-amerikanische Studie der Stanford History of Education Group kam zu einem beunruhigenden Ergebnis: Ein Großteil der befragten High-School-Schülerinnen und -Schüler war nicht in der Lage, Quellen von Videos zu identifizieren, die Herkunft der Informationen auf einer Webseite einzuschätzen (z. B. Unternehmens-PR) oder Werbung von redaktionellen Angeboten zu unterscheiden.27 Durch neue Werbeformen im Internet, wie das Native Advertising – Werbeanzeigen, die im gleichen Stil wie redaktionelle Beiträge gestaltet sind – verschwimmt der klare Unterschied zwischen Nachricht und Werbung. Besonders schwer tun sich Kinder, Werbung als solche zu erkennen, wenn sie im Design dem redaktionellen Teil gleicht, wie die Studie „Mit Kindern unterwegs im Internet“28 ergeben hat.

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Informationskompetenz als Schlüsselqualifikation

Umso wichtiger ist es für Kinder und Jugendliche, eine Informations- und Nachrichtenkompetenz zu entwickeln: im digitalen Zeitalter eine Schlüsselqualifikation. Jugendliche dabei zu unterstützen, selbstbestimmt Informationen zu suchen, zu filtern, Medien und Quellen einordnen zu können sowie sie auf Relevanz und Wahrheitsgehalt hin zu bewerten, ist ein wichtiges Bildungsziel. Außerdem sollten sie motiviert werden, die Lust an der Suche nach Wahrheit zu entwickeln und sich über die Folgen von Desinformation Gedanken zu machen.

Informationskompetenz ist die Fähigkeit, selbstbestimmt Informationen/Nachrichten zu finden, zu erkennen, zu analysieren, Medien und Quellen einordnen sowie die Informationen auf ihre Relevanz und ihren Wahrheitsgehalt hin bewerten zu können. Ziel ist ein souveräner und selbstbestimmter Umgang mit Informationen als Grundlage zur Meinungsbildung und damit zur Handlungsfähigkeit in einer digitalisierten Gesellschaft.

Meinungsbildung

Wie kann Meinungsbildung gelingen?

„Die wirksamste Manipulation unseres Geistes zielt nicht darauf, bestimmte ideologische Überzeugungen in uns zu verankern, sondern darauf, uns der Befähigung zu berauben, überhaupt Überzeugungen auszubilden.“ 29 Das, was die Philosophin Hannah Arendt hier bereits Mitte des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck brachte, gilt mehr denn je. Wie kann man sich eine Meinung bilden, wenn es keine faktische Wahrheit mehr gibt, die der Meinungsbildung zugrunde liegt? Wenn jeder seine eigene Wirklichkeit, seine eigenen alternativen Fakten konstruiert? Mittlerweile spricht man davon, dass sich eine Demokratie in einem postfaktischen Zustand befindet, wenn faktisch irreführende Narrative statt Fakten als Grundlage für die politische Debatte und Meinungsbildung dienen. 30 Nach wie vor ist die Grundvoraussetzung für die Meinungsbildung deren Bezogenheit auf nachprüfbare Fakten und die Anerkennung evidenzbasierter Wissensbestände.

Was ist eine Meinung?

Nimmt eine Person auf Basis ihres Wissens Bewertungen über Objekte oder Personen vor,31 dann hat oder äußert sie eine Meinung. Je mehr gesicherte Informationen und damit Wissen wir haben, umso besser können wir uns eine fundierte Meinung bilden. Aber auch wenn wir etwas wissen, muss das nicht heißen, dass unsere Meinung damit im Einklang steht. „Bewertungen basieren selten auf umfassenden Wissensbeständen, die Individuen analytisch, d. h. vollständig und systematisch zueinander in Beziehung setzen.“32 Oft urteilen wir aufgrund von Annahmen, die emotional geprägt sind und auf früheren Eindrücken beruhen.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage: Gibt es richtige und falsche Meinungen? Herrscht denn nicht Meinungsfreiheit, die auch verfassungsrechtlich in Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert ist? Abhängig sind Meinungen sowohl vom Wertespektrum, in dem eine Person sich bewegt, als auch vom Wissenshintergrund. In diesem Zusammenhang lassen sich drei Meinungstypen unterscheiden:

  • Begründete und auf Informationen beruhende Meinung abhängig vom eigenen Wertehintergrund

Unterschiedliche Gruppen und Personen können pro und kontra zu einem bestimmten Sachverhalt eingestellt sein, sofern sie ihre Position mit Argumenten begründen und sich auf Fakten berufen. Die Kategorien „richtig“ und „falsch“ sind in diesen Fällen auf den Standpunkt und die Haltung bezogen, die jemand einnimmt. Sie sind durch die jeweilige Perspektive bedingt. Falsch erscheint eine Meinung dann aus der Sicht des jeweils anderen, aber in einer gesamtgesellschaftlichen Meinungspluralität hat sie ihre Berechtigung.

  • Auf falschen Annahmen oder Irrtümern beruhende Meinung

„Falsch“ kann eine Meinung aber auch sein, wenn sie auf Annahmen beruht, die nicht den Tatsachen entsprechen und widerlegt werden können. Viele Menschen halten auch dann an ihrer Meinung fest, wenn beispielsweise eine Studie als Fälschung entlarvt wird oder sich eine Behauptung als Lüge herausstellt. 33 So geschehen, als sich 2010 die Legende des Heilpflanzenverbotes durch eine EU-Verordnung verbreitete. Die Behauptung, Naturheilmittel und Kräuter sollten nicht mehr verkäuflich sein, damit die Profite der Pharmaindustrie gesichert werden, stellte sich als falsch heraus. Immer wieder ging das Gerücht im Internet um, und viele Menschen glaubten auch dann noch daran, als es widerlegt war.34

Ähnlich halten auch Impfgegner oder Leugner des menschengemachten Klimawandels an ihrer Überzeugung fest. Dieses Verhalten heißt in der Psychologie belief perseverance, wörtlich übersetzt „Beharren im Glauben“, und bedeutet, dass Menschen, die mit neuen Informationen konfrontiert werden, die ihrer Überzeugung widersprechen, diese trotzdem aufrechterhalten.

  • Unbegründete Meinung mit dem Ziel, andere zu diffamieren

Meinungen können nicht nur falsch begründet, unbegründet und ideologisch motiviert sein. Auch die Art und Weise, wie Meinungen in die Diskussion eingebracht werden, und ob überhaupt eine Diskussion gewünscht ist, entscheidet über die Akzeptanz einer Äußerung. Andere zu diffamieren, pauschal zu beschimpfen und mit Hass zu überziehen, stellt in einer Diskussion keine legitime Meinungsäußerung dar. Vielmehr zerstört es den Diskurs und ist ein antisoziales Verhalten, das nur darauf abzielt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu untergraben. In diesem Sinne ist es zutiefst antidemokratisch.

Lasst uns reden – Meinungsbildung im Diskurs

Persönliche Meinungen orientieren sich in der Regel an den Einstellungen der eigenen Gruppe oder auch an der öffentlichen Meinung, also der „dominanten Meinung zu gesellschaftsrelevanten Fragen“ 35, für deren Bildung die Medien eine entscheidende Rolle spielen. Ohne einen gewissen Meinungs- und Wertekonsens wäre eine Gesellschaft in wichtigen Belangen nicht handlungsfähig. Dafür steht an oberster Stelle die Verfassung eines Staates, im Falle Deutschlands also das Grundgesetz. Die öffentliche Meinungsbildung ist notwendig, um einen sozialen Zusammenhalt herzustellen und das Funktionieren gesellschaftlicher Strukturen zu gewährleisten. Das heißt jedoch nicht, dass Meinungsbildung nicht auch durch die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen und Wertehaltungen erfolgt. Dies ist in einer Demokratie geradezu geboten.

Daher kann Meinungsbildung im persönlichen wie im öffentlichen Bereich nur gelingen, wenn sie in der Diskussion mit anderen stattfindet. Das Sprechen über ein Thema, auch mit Andersdenkenden, ist neben umfassender Information unerlässlich, um sich eine Meinung zu bilden und sie immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Nur im Austausch mit anderen Meinungen können die eigenen Argumente geschärft und Lücken in der Begründung aufgezeigt werden. Zuzuhören und fremde Meinungen auch einmal stehenlassen zu können ist genauso wichtig, wie eine Distanz zu sich und zu den anderen herzustellen und Informationen zu hinterfragen. Oft kommt es in Diskussionen vorschnell zu einer Be- und Verurteilung statt zu einer Abwägung der Argumente. Auch unter dem Einfluss der Aufmerksamkeitsökonomie 36 der sozialen Medien – wo mit emotionalen Themen um das Interesse der Nutzerinnen und Nutzer gerungen wird – geraten immer mehr Menschen in eine Erregungsspirale und werden dazu aufgefordert, ihre Meinung kundzutun, entweder dafür oder dagegen zu sein. Doch ist ein Like schon eine Meinung? Verhindert das schnelle Urteilen nicht, dass man beobachtet und abwägt? Werden dabei Dinge, die man nicht auf Anhieb beurteilen kann, erst einmal akzeptiert? In den sozialen Medien kann es sehr schnell dazu kommen, dass man sich anderen Meinungen anschließt, ohne nach Argumenten zu fragen. Gerade junge Menschen, die in ihrer Peergroup unter einem konformistischen Druck stehen können, können hierfür anfällig sein.

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Meinungsbildungskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Informationen in einen Kontext zu stellen und zu bewerten sowie damit verknüpfte gesellschaftliche und ethische Fragestellungen zu reflektieren. Ziel ist es, einen eigenen Standpunkt bzw. eine Haltung zur Gesellschaft und zur Welt zu entwickeln, die durch Wahrnehmen, Urteilen und Empfinden zustande kommt. Meinungsbildung wird dabei als ein Prozess verstanden, in dem die Beurteilung der erhaltenen Informationen und der damit verknüpften Sachverhalte immer wieder überprüft wird. Meinungsbildungskompetenz basiert auf der Informationskompetenz und erfordert zudem die Fähigkeit des Zuhörens sowie die diskursive Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer.

Die Rolle des Journalismus für die Meinungsbildung

Wozu braucht man eine unabhängige Presse?

In einer parlamentarischen Demokratie wirken Medien an der individuellen und öffentlichen Meinungsbildung mit, indem sie Informationen beschaffen, einordnen und kritisch hinterfragen, und als Mittler zwischen Parlament, Regierung und Bürgern fungieren. Massenmedien werden häufig als vierte Gewalt im Staat bezeichnet – neben der Legislativen (Parlamente), der Exekutiven (Regierung) und der Judikativen (Verfassungsgericht) –, weil es in einer Demokratie die Aufgabe der Medien ist, neben der Informations- und Meinungsbildungsfunktion auch eine Kontrollfunktion auszuüben. Sie sollen so vollständig, sachlich und verständlich wie möglich über alle wichtigen Bereiche der Gesellschaft informieren, durch Aufklärung und Einordnung zur Meinungsbildung beitragen und mit Kritik und Kontrolle die Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Sozialem und Kultur durch investigativen Journalismus begleiten – also als kritische Instanz im Sinne der Bürger staatliches Handeln begleiten und kommentieren.

Das geht nur auf der Basis einer seriösen Vielfalt, also einer Vielzahl an Medien, die ein erkennbares Meinungsspektrum und verschiedene politische Standpunkte abbilden, wie es große überregionale Zeitungen oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk tun. So sind beispielsweise die taz oder der Freitag in ihrer politischen Ausrichtung (politisch „links“) anders zu verorten als etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Die Welt (bürgerlich-konservativ). Insbesondere der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk (ARD, ZDF, Deutschlandradio) hat den Auftrag, als „Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen“37. Nach Jürgen Habermas ist Öffentlichkeit die Summe unterschiedlich großer Teilöffentlichkeiten, von denen einige miteinander verbunden sind und andere nicht.38 Gerade große überregionale Zeitungen und die öffentlichrechtlichen Medien sollen die Aufgabe wahrnehmen, Teilöffentlichkeiten zusammenzubringen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stiften.

Um auf Falschmeldungen nicht hereinzufallen, benötigt eine Demokratie eine gut informierte Öffentlichkeit, in der Meinungsbildung stattfinden kann und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gewährleistet wird. Qualitätsjournalismus und Vielfalt im Medienangebot sind die Voraussetzungen für eine freie Meinungsbildung, worauf wiederum eine liberale Demokratie beruht. Medien spielen für die Herstellung einer demokratischen Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle und sind durch das Grundrecht auf Presse- und Rundfunkfreiheit geschützt, das sich in Artikel 5 des Grundgesetzes findet. Autokratische Staatsformen haben in der Regel kein Interesse an einer freien und unabhängigen Berichterstattung, wie das Beispiel Russland zeigt, wo die landesweiten Fernsehsender weitgehend unter staatlicher Kontrolle stehen und kritische Medien unter Druck geraten. 39

Journalistische Standards

Wer sich zuverlässig informieren möchte, muss sich auf journalistische Medien verlassen können. „Denn Nachrichten ohne gesicherte Fakten, ohne im Zweifel überprüfbare Quellen und ohne transparente Recherche sind am Ende nur Gerüchte und Halbwahrheiten.“ 40 Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben, wissen in der Regel, wie man sorgfältig und wahrheitsgetreu arbeitet und kennen die journalistischen Qualitätskriterien:

Dokumentierte Informationen sollen inhaltlich korrekt und genau wiedergegeben werden (Richtigkeit),

  • das Wesentliche und gesellschaftlich Relevante soll gezeigt werden (Relevanz),
  • die Berichterstattung muss aktuell sein und Neuigkeitswert haben (Aktualität),
  • Informationen sind für die Leser verständlich darzustellen (Verständlichkeit),
  • die Quellen der Informationen müssen offengelegt und überprüft werden können (Transparenz),
  • eine inhaltliche Bandbreite an Themen und Meinungen ist darzustellen (Vielfalt),
  • Redaktionen und Journalisten sollten frei von Vorgaben inhaltlicher Art arbeiten (Unabhängigkeit).

Ein wichtiger journalistischer Grundsatz ist zudem die Trennung von Berichterstattung und Meinung. Hierfür gibt es verschiedene journalistische Textsorten. Aus objektiver Perspektive verfasst sind Meldung, Nachricht und Bericht. Meldungen und Nachrichten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Länge; in einen Bericht fließen zusätzlich zur eigentlichen Nachricht Hintergrundinformationen ein. Meinungsäußerungen des Journalisten finden sich im Kommentar und in der Glosse, die ein Thema humorvoll und ironisch zuspitzt. Auch in der Reportage und im Feature, die zu den berichtenden Textsorten zählen, kann zwischen objektiver und subjektiver Perspektive gewechselt werden. Das Interview ist ein dialogischer Text, in dem die subjektive Perspektive überwiegt.

Seriöse Medienbeiträge müssen diese sieben W-Fragen beantworten:

  • Was ist geschehen?
  • Wann ist es geschehen?
  • Wo ist es geschehen?
  • Wer ist beteiligt?
  • Warum ist es geschehen?
  • Wie ist es abgelaufen?
  • Woher stammt die Information?

Oberstes Prinzip bleibt es im Journalismus, wahrhaftig zu berichten. Das bedeutet, den Tatsachen auf den Grund zu gehen, was bei der Recherche – also der Sammlung und Verifizierung von Fakten beginnt – und gegebenenfalls damit endet, Aussagen zu korrigieren, wenn sie falsch sind oder neue Erkenntnisse vorliegen. Eine objektive Realität gibt es nicht, aber sehr wohl Sachverhalte, die nach den Regeln eines seriösen Journalismus unterschiedliche Perspektiven aufweisen können. Dennoch bleibt Objektivität das Ziel. Ist der Journalist bezogen auf seine Quellen und Methoden so transparent wie möglich, kann der Rezipient die Glaubwürdigkeit der Information selbst bewerten.

Journalismus unter Druck – und in der Verantwortung

Die klassischen Medien haben mit der Digitalisierung nicht nur ihre Gatekeeper-Funktion verloren, sie sind auch ökonomisch in Bedrängnis geraten. Da online Nachrichten und journalistische Inhalte zu großen Teilen frei verfügbar sind und Anzeigen von den Publikationen weg hin zu anderen Angeboten im Netz wandern, haben die Medienverlage immer geringere Einnahmen, und die daraus resultierenden Sparzwänge führen zu weniger Geld für journalistische Arbeit. Weniger Personal in Kombination mit einem erhöhten Aktualitätsdruck durch das Internet hat in Teilen der Presse zu weniger Sorgfalt und mehr Fehlern in der journalistischen Arbeit geführt. Der finanzielle Druck hat u.a. Trends wie Clickbaiting hervorgebracht. Damit ist das Vorgehen gemeint, mit reißerischen Überschriften die Leser zum An- oder Weiterklicken zu animieren, um möglichst viel Werbung auf den einzelnen Seiten verkaufen zu können. Wird die Erwartungshaltung an diese spektakulären Inhalte nicht erfüllt und häufen sich die Fehler, lässt das den Leser oder die Leserin an der Zuverlässigkeit und dem Wahrheitsgehalt der Nachrichtenangebote zweifeln.

Zwar stabilisiert sich das Vertrauen in die etablierten Medien in Deutschland, wie die Befragungswelle 2019 der repräsentativen „Langzeitstudie Medienvertrauen“ der JohannesGutenberg-Universität Mainz42 zeigt. Allerdings zeichnet sich dabei eine zunehmende Polarisierung ab: 43 Prozent der Bevölkerung ab 18 Jahre meinen, man könne den Medien in wichtigen Fragen „voll und ganz“ oder „eher“ vertrauen. Dieser Wert ist bereits vier Jahre stabil (2016: 41 %; 2017: 42 %; 2018: 44 %) und fällt deutlich höher aus als 2015 (28 %), als der starke Flüchtlingszuwachs für mediale Debatten gesorgt hatte. 28 Prozent hingegen sagen 2019, man könne Medien „eher nicht“ bzw. „überhaupt nicht“ vertrauen. Das sind sechs Prozent mehr als 2018 und elf Prozent mehr als 2017. Es hat sich also ein signifikanter Kern an Kritikern herausgebildet, der die etablierten Medien pauschal verurteilt (etwa als „Lügenpresse“, vgl. Kap. 3.2). „Menschen, die gegenüber den etablierten Medien zynisch eingestellt sind, finden sich überdurchschnittlich häufig am rechten Rand des politischen Spektrums. Sie sind formal niedriger gebildet, deutlich politikverdrossener, und sie haben Angst, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in der Zukunft verschlechtern wird. Darüber hinaus zeigt sich, dass die etablierten Medien vor allem von denjenigen Bürgern pauschal verurteilt werden, die häufig alternative Nachrichtenquellen im Social Web konsumieren und regelmäßig Nutzerkommentare auf den Seiten der etablierten Medien schreiben.“43 (Vgl. Abb. 3.)

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